Reviews

Das gegenwärtige Interesse der Medien an den Neurowissenschaften und Reproduktionswissenschaft wird aufs Neue die uralte Frage auf nach Sinn und Bestimmung des menschlichen Lebens und der Menschheit überhaupt.

Diese Fragestellung hat der Künstler Thierry Farcy, Arzt von Beruf, schon vor 6 Jahren thematisch behandelt : im Jahre 2001 hatte er nämlich eine erste Reihe Installation geschaffen, die ca hundert 25 cm hohe Menschenköpfe aus Beton, immer ebenerdig aufgestellt, umfasst und im Jahre 2004 bei der Austellung/Messe Art Event Lille vorgestellt wurden.

Auf diese grob belassenen ; in willkürlichen Formen aufgereihten Köpfe blickt der Betrachter herab wie auf ein “Kopf”steinpflaster, ein besonderes,das vieilleicht an die sagenhafte Armee des chinesische Kaisers QuinShi Hungdi erinnert, die in den 80ern ausgegraben wurde-oder an die ersten menschlichen Grabformen, die Schädelnester des Mesolithikums-oder an die Totenkopfreihen der barocken Beinhaüser im Alpengebiet.

Diese Installationen wären somit eine zeitgeössische Behandlung der Vanitas : die menschliche Schicksalsgleichheit im Tod ist ja tatsächlich ein “Werk” der Natur, worauf der Titel dieser Installationen hinweist. Ausserdem kommt er den traditionellen Gegensatz « Künstler-Natur » aufgibt, stellt er sich in die Nachfilge der romantischen Kunstauffassung von der « natura naturans »

In der Installationsreihe « Intra muros » kehrt das Leitmotiv der Menschenköpfe wieder, und zwar in Betonblöcke eingeschlossen, jeweils von gleicher Grösse, aberin willkürlicher Streuung, wenn mann von der künstlerischen Absicht einer Kontrastwirkung der Farschattierunggen absieht.

Diese geologische Mimesis verleiht dem Kunstwerk eine Zeitlosigkeit wie sie ganz dem oben erwähnten Prinzip der “natura naturans” entspricht.

Durch die unregelmässige Häufung neben-und aufeinandergestellter Blöcke werden die darin aingeschlossenen Köpfe in ihren Uberschneidungen mehrdimensional vom Auge erfasst in einer fast schwindelerregenden Wirkung, sodas sie als Einzelmotiv in einem ästhetischen Ganzen untergehen. Wir haben es hier mit einer Meta-Skulptur zu tun : denn die 3-diemensionalen Kopskulpturen werden durch das Zerschneiden der Blöcke bzw. Scheiben zu 2 Dimensionen reduziert, die 3 Dimension kehrt dann wieder durch das Zu-einer-Mauer-Aufschichten dieser Blöcke, sodass die 2- dimensionalen Bilder der Kôpfe die 3-diemensionale Wirkung der « wall drawings » von Sol Le Witt erhalten. Dieses Abbauen und Wiederaufbauen der Dreidimensionalität , wesen der Skuptur, ist aber kein zweckfreies Spiel : es symbolisiert den kreativen Imperativ geistiger Wiedergeburt, Goethes «  Stirb und Werde ! « 
Schliesslich drücken diese Werke den Un-sinn jeglicher Rassendiskriminierung aus, stellt doch das Durcheinandergewürfel von schwarzen, weissen und grauen Köpfen einen virtuellen Meltingpot dar, was man als antirassistisches Manfest, jedenfalls als ideelles Mahnmal eines postkolonialen Europas auffassen kann.


Gespräch mit Thierry Farcy


Ausbildung :

Wann hat Ihre Künstler-Laufbahn begonnen ?

Als ich etwa 22 alt war und die Abendkurse der Künstlerakademie in Caen besuchte ; ebenso wichtig war der regelmässige Besuch von Ausstellungen zeitgenössischer Kunst.

Was hat Sie in Ihrer künstlerischen Entwicklung beeinflusst ?

Die " Neuen Realisten" , die " Land Art " , die zeitgenössische deutsche Malerei und die englischen Bildhauer .

Welche Rolle spielte J. Pasquier ( Galerist und Maler in Caen ab 1956 ) für Ihre Entwicklung ?

Er war mir immer ein Vorbild , obwohl ich nie sein Schüler war . An ihm habe ich immer seine Fähigkeit zur Erneuerung , seine Schöpferkraft bewundert , die mit grosser Weltoffenheit und Menschlichkeit einhergingen .

 

Medizin / Kunst :

Wie sehen Sie das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft ?

Als Ergänzung : als Mediziner bin ich der Realität verhaftet , während die künstlerische Betätigung mir eine informellere , intuitivere Dimension des Lebens erschliesst .

Wie gelingt es Ihnen beides zu vereinen ?

Das ist nicht leicht , denn beide Tätigkeiten fordern einen viel . Das ist eine Sache der Organisation . Es gelingt mir ganz gut , beide zu trennen : wenn ich als Arzt tätig bin , ist die Kunst vollständig ausgeblendet , und sobald ich mein Atelier betrete , denke ich nicht mehr an die Medizin .

Wieso haben Sie diese beiden Tätigkeiten gewählt ? Wie ergänzen sich ihre Sichtweisen ?

Ich habe Medizin studiert , um zu verstehen , wie der Mensch funktioniert . Aber schon zu Beginn des Studiums bekam ich Lust , dieses Studium des Menschen auf intuitivere , künstlerische Art , aber genauso rigoros , anzugehen . Beide Tätigkeiten ergänzen sich : in der Medizin gibt es Regeln , die jeder Arzt je nach Patient verschieden anwendet ( Menschen pflegt man ja nicht wie Maschinen ! ); In dieser Hinsicht ist die Medizin auch eine Kunst . In der Kunst dagegen setzt sich der Künstler seine Regeln selbst .Das Rührendste an der Medizin ist , dass die Menschen uns ihr Leben und ihre Seele anvertrauen .

Welchen thematischen und praktischen Einfluss hatte die Medizin auf Ihre Kunst ?

In der Medizin wird viel untersucht , zergliedert , unterteilt , geordnet . Und dann die Masse der medizinischen Bilder ... Das übt natürlich Einfluss aus . In der Medizin wird der Mensch ganz durchleuchtet , und das erlaubt mir , ein Menschenbild zu haben , das auf vertiefter Menschenkenntnis beruht .

 

Entwicklung des künstlerischen Werkes.

Womit hat Ihre künstlerische Arbeit begonnen ?

Am Anfang standen Malerei , Zeichnen und Modelieren , später dann kamen Skulptur und Fotographie dazu .

Warum ist das menschliche Antlitz in Ihrem Werk so allgegenwärtig ?

Mich hat immer das Geheimnis des Lebens fasziniert , und also das Auftreten des Lebens auf Erden .Dazu kam meine medizinische Erfahrung in der Gynäkologie -Abteilung im Krankenhaus von Alençon , und zwar bei der künstlichen Befruchtung ; ich habe also " in situ " das Leben in den ersten menschlichen Zellen gesehen , was sehr ergreifend ist . Danach bekam ich Lust , das menschliche Gesicht auf der Maler-Leinwand herauszuarbeiten . Ich habe auch einmal Bilder des Menschen und seiner Vorfahren in einer Serie "mémoire de soi "(= Selbstgedächtnis ) zusammengestellt .

Mein Plan war es, eine lange Reihe von Köpfen in schneller Folge zu zeichnen und so eine gewisse Verschiedenheit und Originalität zu erreichen bei Beibehaltung desslben Formats und derselben Farben (Rötelkreide, blaue oder ockerfarbene Tinte, oder Kohle). Dabei geht es mir um eine schnelle , einfache Technik im Gegenstaz zu Bildhauerei oder Malerei.

Haben Sie etwas in Ihrer künstlerische Tätigkeit aufgegeben ?

Im Augenblick habe ich die Malerei ganz beiseitgelassen, denn Skulptur und Fotographie nehmen mich sehr in Anspruch ; aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Sie gebrauchen immer mehrere Techniken nebeneinander : warum ?

Ich mag mich nicht in einer einzigen Technik einsperren. Meine Arbeit verläuft zyklisch, sie bereichert sich geradedazu dadurch : Malen kommt dem Fotographieren und der Bildhauerei zugute und umgekehrt. Ich passé die Technik dem Werk an, das mir vorschwebt. Wissen Sie, bei einer schöpferischen Arbeit kommt immer ein bestimmter Augenblick , in dem der Schöpfungsprozess dem Schöpfer entgleitet, sich verselbständigt und der Künstler der Entwicklung seines Werkes zusieht. Er ist einbisschen wie ein Gärtner, der einen Baum pflanzt : er kann ihn wohl zurückschneiden, aber der Baum behält seine Gestalt und seine eigene Entwicklung.

Wie sind Sie zu Ihren wenig gewöhnlichen Techniken gekommen ?

Alles began mit ziemlich gewöhnlicher Malerei. Und vor 5 oder 6 Jahre tauchte dann das Problem des Klonens von menschen auf, ohne dass darüber viel geredet wurde. Als Mitglied der Gesellschaft kann der Künstler nicht umhin, ihre aktuellen Probleme engagiert zu behandeln. Als Arzt und Künstler bekam ich nun List, dieses Problem plastich zu behandeln. Einige Monate lang habe ich mich mit dem Thema Klonen befasst und dann ist der Mensch thematischer Mittelpunkt meines Werkes geblieben. Der am Anfang meines Werkes stehende Kopf ist aus Ton, sowie ich ihn mir nach meiner Doktorarbeit über Henry Meuge (1866-1940, Anatomieprofessor an der Künstlerakademie von Paris) vorgestellt hatte : gleichzeitig sollte er auch universell sein, aus einer Verschmelzung aller Rassen hervorgehen, ohne individuelle Prägung.

Dualismen kennzeichnen Ihre künstlerische Tätigkeit : Vergänglichkeit – Dauer- Konstruktion-Dekonstruktion- Durchsichtigkeit- Trübheit- Welchen Ausdruck, welchen Sinn geben Sie ihnen ?

Sie geben meiner Arbeit Ihrer Sinn. Durch ihren Dialog baut sich die künstlerische Sprache auf.

Textile Spitze sind eine Spezialität des Museums. wie steht Ihr Werk dazu ?

Seit einiger Zeit entwickelt sich mein Werk hin zu Fragmentierung : anfangs benutze ich ganze Köpfe, später entstand das Bedürfnis, sie zu zerschneiden ; so entstanden Bruchstücke, aus denen ich natürlich neue Werke schuf ; dahinter steckt die Idee von Zerstörung und Neuschöpfung. Die Gegensätze Beton/ Zerbrechlichkeit und Beton/ Durchsichtigkeit fesseln mich ganz besonders. Da die Ausstellung für Alençon programmiert war, kam ich auf die Idee, Spitze in Skulptur und Fotographie darzustellen, ein wohl einmaliges Unterfangen.

 

Die künstlerische Technik

Arbeiten Sie als Maler in Serien ?

Ja, durchaus, ich mag es, erstmals eine bestimmte Technik zu entwickeln und dann die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen ; denn Kunst bedeutet für mich Abenteuer. Ich möchte nicht im Kang einer Technik eingesperrt bleiben ; ich habe zum Beispiel eine Reihe von Glacis-Werken (die Serien “Durchschimmern” und “ Zwischenstadien”) entwickelt, in denen ich natürliche Pigmente verwendet habe, wobei ich mich absichtlich auf blaue und ockerfarbene Farbschattierungen beschränkt habe. Ich habe auch mit der Dichte des Farbauftrage experimentiert – ein bisschen wie der Maler Eugène Leroy- oder mit der Minimalität von Farbe auf weisser Leinwand . Zu dieser Zeit arbeitete ich hauptsächlich mit 160/130 cm Formaten, die der menschlicher Grössenordnung entsprechen, und dem 38/43 cm Format, das dem Spiegelbild eines Gesichtes entspricht. Malerei ist nicht einfach nur dekorativ, sondern immer etwas Geistiges.

Wie gestalten Sie die Kopfskulpturen ?

Ausgehend von einem grob in Ton geformten Kopf betseht die eigentliche Arbeit in dessen Modelierung.

Wie zerschneiden Sie Ihre Kopfplastiken ?

Bei grösseren Werken arbeitete ich mit einem Steinmetz zusammen.

Welches Material wählen Sie?

Bei skulpturalen Werken interessiert mich der Gegensatz von Beton/ Eis

Das fesselnde Gebiet der Fotographie entdeckte ich vor 3 oder 4 Jahren ganz notgedrungen , als ich an Kopfskulpturen aus Eis arbeitete . Um von diesen Eis-Werken etwas Bleibendes zu erhalten , war es am einfachsten , sie abzulichten . Von da an wurde die Fotographie ein wichtiger Bestandteil meines Werkes . Der erste Schritt meiner Foto-graphien ist immer die Inszenierung des Bildes vor der Aufnahme , wie z.B. in der Reihe der Alençon-Fotographien , wo die Stadtansicht erkennbar ist .

 

Der Bezug des Werkes zur Umgebung

Sind Ihre Installationen modulierbar je nach Situation und Ort ?

Zwischen dem Ausstellungsort und meinen Werken herrscht eine notwendige Interaktion , d.h. die Form der Installation hängt zum Teil von ihrer räumlichen Umgebung ab.

Welches Werk haben Sie für " la maison d'Ozé " und " la Cour carrée gewählt und warum ?

Der Platz vor dem Museum brauchte ein ziemlich imposantes Werk . Dieses Werk schwebte mir schon eine Zeitlang vor und nun hatte ich die Gelegenheit , es zu verwirk-lichen . Der Garten des " Maison d'Ozé " dagegen erforderte etwas Intimeres .

Welche Projekte haben Sie für die Zukunft ?

In nächster Zukunft arbeite ich weiter in Fotographie und Skulptur und trage mich mit dem Gedanken , letztere in die Architektur zu integrieren .